Wenn Erwachsenenbildnerinnen und Erwachsenenbildner nicht mehr alles allein schaffen: drei Wege, KI zur Entlastung zu nutzen

Wenn Erwachsenenbildnerinnen und Erwachsenenbildner nicht mehr alles allein schaffen: drei Wege, KI zur Entlastung zu nutzen

Um neun Uhr abends sitzt er noch immer vor dem Computer. Morgen erwartet ihn eine Gruppe Erwachsener, die sich stark voneinander unterscheiden: Eine Person kehrt nach einer zehnjährigen Unterbrechung zum Lernen zurück, eine andere kommt direkt von der Arbeit, eine dritte verliert schon bei der ersten längeren Anweisung die Konzentration. Die Materialien vor ihm sind zu lang, die Anweisungen zu anspruchsvoll, die Präsentation zu starr. An Wissen fehlt es ihm nicht. Was ihm fehlt, ist Zeit.

Das ist eine typische Situation für Erwachsenenbildnerinnen und Erwachsenenbildner, die nicht nur Inhalte vermitteln. Ihre Aufgabe ist deutlich komplexer. Es geht darum, Fachsprache in verständliche Sprache zu übersetzen, das Lerntempo anzupassen, Widerstände gegen das Lernen abzubauen und vor allem unklare Anweisungen für Menschen mit sehr unterschiedlichen Lebenserfahrungen verständlich zu machen.

Gerade deshalb ist generative künstliche Intelligenz vor allem als Entlastungsinstrument interessant. Ihr Wert liegt nicht darin, die Lehrperson zu ersetzen. Ihre Aufgabe besteht vielmehr darin, ihr Zeit für Urteilsvermögen, Begleitung und den Kontakt mit der Gruppe zurückzugeben. Dieser Fokus steht sowohl im Einklang mit dem europäischen Rahmen DigCompEdu, der digitale Kompetenz als pädagogische und nicht nur technische Fähigkeit versteht, als auch mit den UNESCO-Leitlinien zur Nutzung generativer KI in Bildung und Forschung, die menschliches Urteilsvermögen, Ethik und eine verantwortungsvolle Integration betonen (Redecker, 2017; UNESCO, 2023). Die Grundlogik ist einfach: Ein gutes Werkzeug ist nicht dasjenige, das anstelle der Lehrperson arbeitet, sondern dasjenige, das ihr ermöglicht, besser zu arbeiten.

1. Aus einem Inhalt mehrere Schwierigkeitsstufen erstellen

Eine erste sehr konkrete Anwendung generativer KI ist die Differenzierung von Materialien. Das ist eine der am meisten unterschätzten und zugleich wertvollsten Praktiken in der Erwachsenenbildung. In einer Lerngruppe sitzen fast nie Menschen mit dem gleichen Vorwissen, dem gleichen Selbstvertrauen oder dem gleichen Sprachverständnis. Trotzdem sind viele Materialien noch immer so geschrieben, als gäbe es einen „durchschnittlichen Teilnehmenden“, der alles im gleichen Tempo und auf dem gleichen Abstraktionsniveau versteht. Eine solche Person existiert in der Praxis kaum.

Gerade hier ist generative KI nützlich, weil sie es ermöglicht, aus demselben Grundinhalt schnell mehrere Versionen zu erstellen. Ein Absatz kann zu einer kürzeren und einfacheren Erklärung für Anfängerinnen und Anfänger werden, zu einer konkreteren Arbeitsversion für den Großteil der Gruppe oder zu einer anspruchsvolleren Fassung mit zusätzlichen Beispielen oder Fragestellungen für Fortgeschrittene. DigCompEdu zählt Differenzierung zu den Schlüsselkompetenzen zeitgemäßer Lehrpersonen, denn digitale Werkzeuge gewinnen erst dann an Wert, wenn sie Inklusion und die Anpassung von Lernprozessen an unterschiedliche Bedürfnisse verbessern (Redecker, 2017).

Neuere empirische Befunde gehen noch einen Schritt weiter. Laut der Zusammenfassung der Quelle AI + Adult Learning: Smarter Differentiation kommen Erwachsene mit sehr unterschiedlichen Verpflichtungen, Erfahrungen und Lernbedürfnissen in Bildungsangebote, weshalb ein „One-size-fits-all“-Ansatz schlicht nicht ausreicht. Ähnlich hebt die Quelle The Impact of Generative AI on Adult Learning hervor, dass individualisierte Lernpfade und unmittelbare Unterstützung besonders jenen Erwachsenen zugutekommen, die Bildung mit Beruf und Familie vereinbaren müssen. Noch wichtiger ist: Eine begutachtete Studie in Scientific Reports zeigte, dass ein adaptives Mikrolernsystem die unnötige kognitive Belastung statistisch signifikant verringert und die Lernanpassungsfähigkeit bei berufstätigen Erwachsenen verbessert. Das bedeutet: Die Anpassung von Materialien ist kein Zusatz, sondern ein wesentlicher Bestandteil wirksamer Lehre.

In der Praxis ist es daher sinnvoll, schrittweise zu beginnen, vielleicht zunächst nur mit einem Absatz, einer Erklärung oder einer Anweisung und nicht gleich mit einem ganzen Modul. Wenn Sie aus demselben Inhalt drei Schwierigkeitsstufen entwickeln können, haben Sie bereits einen der größten Schritte in Richtung inklusiverer Lehre gemacht.

2. KI für den ersten Entwurf nutzen, nicht für das Endprodukt

Die zweite konkrete Anwendung ist vielleicht noch direkter mit der alltäglichen Erschöpfung von Erwachsenenbildnerinnen und Erwachsenenbildnern verbunden. Viel Energie geht nicht erst in der Durchführung verloren, sondern bereits im Entwicklungsprozess, wenn ein Sitzungsentwurf, eine Einführung, ein Beispiel, eine kurze Übung, Diskussionsfragen oder ein Abschluss formuliert werden müssen. Eine leere Seite nach einem langen Arbeitstag wirkt nicht wie eine kreative Herausforderung, sondern wie eine zusätzliche Belastung.

Generative KI ist besonders dann hilfreich, wenn wir sie als Unterstützung für einen ersten Entwurf einsetzen. Sie kann eine erste Struktur für eine 90-minütige Einheit erstellen, drei Einstiegsfragen vorschlagen, ein Beispiel aus dem Arbeitsumfeld liefern oder eine erste Zusammenfassung für die Teilnehmenden formulieren. Trotzdem ist Vorsicht geboten. Wenn wir von ihr ein Endprodukt verlangen, erhalten wir oft einen durchschnittlichen und vor allem generischen Text. Wenn wir sie dagegen als Rohfassung nutzen, die anschließend fachlich überarbeitet wird, sparen wir genau jenen Teil der Energie, der sonst für das Überwinden der leeren Seite draufgeht.

Dieser Ansatz entspricht vollständig den UNESCO-Leitlinien, die betonen, dass generative KI die Vorbereitung, Recherche und Organisation von Lernprozessen unterstützen kann, jedoch niemals das Urteilsvermögen und die Verantwortung der Lehrperson ersetzen darf (UNESCO, 2023). Auch neuere Übersichten zur Produktivität zeichnen ein ähnliches Bild. Laut der Zusammenfassung der Quelle AI Productivity in Education sparten regelmäßige Nutzerinnen und Nutzer generativer KI im Durchschnitt rund 5,4 % ihrer wöchentlichen Arbeitszeit, wobei vor allem weniger erfahrene Beschäftigte profitierten oder jene, die dadurch strukturierte Unterstützung erhielten. Die Brookings-Analyse zum Einsatz von KI in der tutorischen Begleitung kommt zu einem ähnlichen Schluss: Das optimale Modell ist nicht der Ersatz der Lehrperson, sondern ein hybrider Ansatz, bei dem KI routinemäßige Vorbereitungsaufgaben übernimmt, während die Lehrperson ihre zentrale Rolle bei Erklärung, Moderation und Beurteilung der Nützlichkeit behält.

3. Mit KI klarer schreiben und kognitive Belastung reduzieren

Die dritte Form der Nutzung ist oft die unspektakulärste und zugleich pädagogisch besonders wichtig. Generative KI hilft dabei, Materialien, Anweisungen und Erklärungen klarer zu formulieren, was in der Erwachsenenbildung entscheidend ist. Teilnehmende sagen oft nicht, wenn sie etwas nicht verstehen. Häufig werden sie einfach still, geben auf oder gewinnen den Eindruck, dass die Inhalte für sie zu schwierig sind. Das Problem liegt oft darin, dass der Weg zum Verständnis mit unnötigem sprachlichem und kognitivem Ballast überladen ist.

Genau hier ist die Verbindung zur Theorie der kognitiven Belastung besonders hilfreich. Wie neuere Beiträge zur Nutzung von KI zur Verringerung kognitiver Belastung betonen, kann Technologie die Schwierigkeit eines Inhalts nicht beseitigen, wohl aber die unnötige Belastung reduzieren, die durch schlecht strukturierte Anweisungen, überladene Folien und zu lange Erklärungen entsteht. Die Beiträge Using AI to Reduce Cognitive Load und Managing the Load heben hervor, dass KI bei der Erstellung schrittweiser Erklärungen, bearbeiteter Beispiele und kürzerer Lernsequenzen helfen kann, die es den Teilnehmenden ermöglichen, ohne Überforderungsgefühl voranzukommen. Auch der Beitrag Keep It Simple betont, dass klare Sprache keine Stilfrage, sondern eine Frage der Zugänglichkeit ist: kurze Sätze, bekannte Wörter und eine gute Struktur verringern die Belastung des Arbeitsgedächtnisses und erleichtern das Verstehen für alle, besonders aber für überlastete Erwachsene, Leserinnen und Leser in einer Fremdsprache und Teilnehmende mit Lernschwierigkeiten.

Für Erwachsenenbildnerinnen und Erwachsenenbildner bedeutet das zum Beispiel, dass sie mit Hilfe von KI eine lange Anweisung auf drei Schritte reduzieren können. Ebenso können sie einen fachsprachlichen Absatz in alltagsnähere Sprache übertragen. Ein abstraktes Beispiel lässt sich in eine Situation aus Beruf, Familie oder dem Alltag umformulieren. Dadurch werden Inhalte nicht „vereinfacht“, sondern unnötige Hürden auf dem Weg zum Verständnis entfernt. Auch die breiteren institutionellen Rahmen sprechen hier eine klare Sprache: Digitale Werkzeuge sind nur so viel wert, wie sie Zugänglichkeit, Teilhabe und die Qualität des Lernens verbessern (European Commission, 2020; UNESCO, 2024).

Die Lösung besteht nicht darin, noch mehr zu leisten

Erwachsenenbildnerinnen und Erwachsenenbildner brauchen keine weitere große Debatte über die Zukunft der Technologie. Sie brauchen weniger Abende, an denen sie bis spät in die Nacht Materialien überarbeiten. Sie brauchen weniger Situationen, in denen sie während einer Weiterbildung in leere Gesichter blicken und wissen, dass die Anweisungen anders hätten formuliert werden müssen. Sie brauchen weniger das Gefühl, die gesamte Komplexität modernen Lernens allein tragen zu müssen.

Gerade deshalb ist die sinnvollste Nutzung generativer KI in der Erwachsenenbildung überraschend praktisch. Sie hilft dabei, mehrere Niveaustufen desselben Inhalts zu erstellen. Sie hilft, das Syndrom der leeren Seite zu überwinden und vor allem erste Entwürfe schneller zu entwickeln. Sie hilft, klarer zu schreiben und dadurch unnötige kognitive Belastung zu reduzieren. Dabei geht es nicht um Randverbesserungen, sondern um drei sehr konkrete Punkte, an denen Erwachsenenbildnerinnen und Erwachsenenbildner wertvolle Zeit, mehr Konzentration und mehr Raum für qualitativ hochwertige pädagogische Arbeit gewinnen können.

Beginnen Sie dort, wo Sie am meisten Energie verlieren

Wenn Sie die nächste Weiterbildung oder Lerneinheit planen, versuchen Sie nicht, mit künstlicher Intelligenz alles auf einmal zu lösen. Beginnen Sie mit jenem Teil der Aufgabe, bei dem Sie am meisten Energie verlieren. Wenn Sie die Anpassung von Materialien am meisten erschöpft, beginnen Sie dort. Wenn Sie an der leeren Seite scheitern, nutzen Sie KI für den ersten Entwurf. Wenn unklare Anweisungen das größte Problem sind, verwenden Sie KI, um Sprache zu vereinfachen.

Wenn Sie künstliche Intelligenz bewusst in Ihre Arbeit integrieren, verlieren Sie dadurch nicht Ihre Autorität. Sie nehmen sich lediglich einen Teil der Routine ab, damit mehr Energie für das bleibt, was in der Erwachsenenbildung wirklich unersetzlich ist: Urteilsvermögen, Beziehung und die Begleitung des Lernprozesses.

Quellen

Redecker, C. (2017). European Framework for the Digital Competence of Educators: DigCompEdu. Publications Office of the European Union.
UNESCO. (2023). Guidance for Generative AI in Education and Research. UNESCO.
European Commission. (2020). Digital Education Action Plan 2021–2027. European Commission.
UNESCO. (2024). AI Competency Framework for Teachers. UNESCO.
ALL DIGITAL / Microsoft. (2023–2024). GenAIEdu.
AI + Adult Learning: Smarter Differentiation. LinkedIn Pulse. (2025).
The Impact of Generative AI on Adult Learning. LinkedIn. (2024).
Brookings Institution. (2026). What the Research Shows About Generative AI in Tutoring.
PlanIt Teachers. (2024). AI-Powered Differentiation Tools for Modern Teachers.
Structural Learning. (2026). Using AI to Reduce Cognitive Load: A Teacher’s Practical Guide.
Optimizing Cognitive Load with Adaptive Microlearning. Scientific Reports. (2024).
Evelyn Learning. (2026). Teacher Burnout Crisis: AI Cuts Educator Workload 40%.
SIAI. (2025). AI Productivity in Education: Real Gains, Costs, and What to Do Next.
Faculty Focus. (2026). Managing the Load: AI and Cognitive Load in Education.
DubBot. (2025). Keep It Simple: Plain Language, Readability and Inclusion.